Graffiti-Kunst im Allgäu

Alte Gebäude mit neuem Leben füllen – das versuchen viele Städte. So auch in Füssen: Die ehemaligen Hanf-Werke aus dem 19. Jahrhundert heißen jetzt „Magnus-Park“. Hier, direkt am Lech gegenüber der Altstadt, haben sich viele kleine Betriebe angesiedelt. Unter ihnen ein nicht alltäglicher Hand-Werker, zumindest nicht im Allgäu: Der Graffiti-Künstler Robert Wilhelm hat hier sein Atelier, wo er auch gerne Gäste empfängt.

Das Areal versprüht maroden Charme, aber dem 43-jährigen taugt das für seine kreative Arbeit. Sein Atelier hat weder Strom noch fließendes Wasser, dafür aber meterhohe Wände, die viel Platz zum Ausprobieren bieten. Robert Wilhelm nimmt eine Spraydose in die Hand und sprüht mal eben seinen „tag“, seine Unterschrift, auf die Wand. In der Szene hat er sich als „Trus“ einen Namen gemacht. 2001 hat er die abstrakten Charaktere namens „Smurfnobs“ erfunden, die in rund 30 Minuten aufgesprüht sind. Seitdem sind sie auf den Wänden zahlreicher Städte zu finden.

„Schon als Kind haben mich die besprühten Züge am Bahnhof begeistert. Ich bin in Heidelberg geboren und aufgewachsen. Dort waren bereits in den 80er Jahren Graffitis präsent. Mit 13 Jahren hatte ich die erste Sprühdose in der Hand und habe gemerkt, dass das mein Zeicheninstrument ist. Am Autonomen Zentrum gab es eine legale Fläche, wo man sprayen durfte. Da bin ich so in die Szene reingerutscht, habe den angesagten Sprayern über die Schultern geschaut und viel für mich ausprobiert“, erzählt Robert Wilhelm, der sein Diplom in Malerei und Grafikdesign an der höheren Fachschule in Mannheim absolviert hat. Neben seiner Leidenschaft Graffiti reicht Wilhelms Bandbreite aber bis hin zu großen Leinwänden, die er mit klassischen Öl- und Acrylfarben bemalt und mit gesprayten Elementen verwebt. Dort verarbeitet und interpretiert der Künstler oft komplexe Themen. Seine Begeisterung gibt Robert Wilhelm in Graffiti-Workshops weiter. Oder man erlebt ihn live beim Sprayen im Rahmen eines Events wie bei einem Konzert.

Oftmals trifft man auf seine Werke im Freien. Zum Beispiel hat der 43-Jährige die Freudenberg-Unterführung in Kempten gestaltet, die Außenfassaden des AWO-Kinderhorts in Füssen und des Kindergartens in Kaufbeuren sowie das Jugendzentrum „Smile“ in Reutte. Auch das zwei auf vier Meter große Bild von König Ludwig am Füssener Bahnhof stammt von ihm. Zudem verleiht er seine Werke an Büros oder Praxen, um sie dort auszustellen.

Auch wenn sich das Allgäu mit Graffiti oft noch schwertut – Robert Wilhelm fühlt sich hier zu Hause. Schon alleine, weil er die Berge und vor allem das Snowboarden liebt. Zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern lebt und arbeitet er lieber in Füssen als in hippen Großstädten. „Manche Kollegen belächeln mich deswegen. Aber ich habe viele Aufträge im Umkreis von rund 100 Kilometern. Zwischen Memmingen und Innsbruck, Lindau und Schongau habe ich mir in 20 Jahren einen Namen erarbeitet. Und wer hat schon in Berlin so ein großes Atelier und so viel Freiheit wie ich hier?“, grinst Robert Wilhelm unter seiner schwarzen Mütze hervor.

Info:
Robert Wilhelm
Mühlbachgasse 9
D-87629 Füssen
+49.176.22660830
rb@robert-wilhelm.com
http://robert-wilhelm.com